Fluch oder Segen – der SC Uckerath auf dem Weg der Selbstfindung mit seinem Radsportevent „Mauer von Uckerath“. Eine Geschichte von und über einen kleinen Verein, der mit sehr viel Kraftaufwand und Herzblut versucht vermeintliche Schwachstellen auszugleichen, Enttäuschung erfährt und am Ende dennoch glückselig ist.
Es ist schon nicht einfach eine Radtourenfahrt zu organisieren. Noch schwieriger ist es, eine Radtourenfahrt als kleiner, junger Verein zu organisieren. Dabei größere Teilnehmerzahlen zu erzielen, scheint fernab einer Großstadt wie Köln oder Bonn unmöglich. Zum fünften Mal fand in diesem Jahr die Mauer von Uckerath statt. Bei gutem Wetter hat sich die Zahl der Teilnehmenden seitdem auf 350 – 400 eingependelt. Während andere Vereine problemlos 700 – 1.000 Radfahrende zu ihren RTF ziehen, atmet man in Uckerath ab der Marke von 300 Teilnehmenden erleichtert auf. Der große Traum, nach der Premiere im Jahr 2022 die magische Marke von 500 zu knacken, bisher unerreicht. Doch neues Jahr, neues Glück. Zumindest eine Annäherung, ein Schritt in die richtige Richtung nach den positiven Rückmeldungen der letzten Jahre. Sowas spricht sich doch rum. Dieses Jahr würde der bisherige Teilnehmerrekord von 413 sicherlich fallen und dann mal schauen was möglich ist.

Irgendwas ist immer
Schon weit im Voraus der Veranstaltung sah die Wetterprognose für den Samstag überragend aus. Der einzige Faktor, den man nicht selbst in der Hand hat, stimmte schon mal. Zuvor die Woche versank Deutschland noch in einer regelrechten Hitzewelle und gefühlt hatten alle Bock am nächsten Wochenende endlich wieder ausgedehnte, längere Radtouren zu fahren. Auch die optimierten Strecken und teilweise sogar neuen Streckenangebote waren für die Jungs und Mädels des ausrichtenden SC Uckerath als „der Mauer würdig“ abgesegnet worden. Es wurde ein neues, schattenspendendes Zelt im Zielbereich organisiert, Finisher-Aufkleber besorgt, die Verpflegungspunkte ließen sich Individualitäten wie einen Anti-Cramp-Shot (Gewürzgurkensaft) aus Pinnchen oder blau gefärbte Donuts einfallen und setzten diese eigenständig um. Darüber hinaus gab es wieder Hochwertiges von Dextro Energy und Edeka Dirk Mülln aus Uckerath. Krombacher Radler alkoholfrei mit freundlicher Unterstützung von IBEDA – und das an den Kontrollstellen den Tag über eiskalt gekühlt! Alles, was das Radfahrer-Herz so begehrt. Erstmalig war auch Kartenzahlung bei der Mauer von Uckerath möglich – und, so viel vorweg, wurde auch wohlwollend zur Kenntnis genommen und genutzt. Was sollte jetzt noch schief gehen?



Am Tag vorher, so ist es Tradition, nehmen sich drei SCU Mitglieder Urlaub, um den Tag über alles für das große Fest vorzubereiten. Darunter einer, der die Transportfahrten mit Anhänger erledigt. Beim Wort Anhänger denken die anderen beiden maximal an die Halsketten ihrer Ehefrauen. Leider befand sich ausgerechnet diese wichtige Person mit der unglaublich seltenen Gabe, schon mal einen Anhänger bewegt zu haben, beruflich in Amerika. Aber kein Problem. Die Rückankunft sollte am Dienstag vor der Mauer von Uckerath erfolgen. Plötzlich kam es auf der anderen Seite des großen Teichs zu Terminverschiebungen – Rückflug in der Nacht von Donnerstag auf Freitag (mitteleuropäischer Zeit). Anhänger fahren mit Jetlag – auch das wäre noch in Kauf zu nehmen, bevor einer der anderen beiden sich in dieser filigranen KFZ-Disziplin versuchen würde. Am Freitagmorgen wartete dann die noch ungelesene Nachricht auf dem Handy: „Flug annulliert, ich komme erst am Samstagmittag heim.“ Alarmstufe rot in Uckerath, Ausnahmezustand – irgendwas ist immer.
Ein Team, das füreinander da ist
Kurzerhand wurde beim Frühstück der gesamte Tagesplan über den Haufen geworfen. Wie bekommen wir den Kühlwagen zum Start- und Zielbereich gezogen? Wie bekommen wir die sperrigen Radständer an die Kontrollstellen? Das neue Zelt musste noch abgeholt werden. Biertischgarnituren sollten auch per Anhänger geholt werden. Nebenbei sollten die letzten Vorbereitungen an den Bestückungen der Verpflegungsstellen vorgenommen, Streckenteilungen und Gefahrenstellen noch ausgeschildert und die Kuchen für den Verkauf eingesammelt werden. Zu zweit und ohne Anhänger? Wie?! Allein schon zeitlich war das alles mehr als sportlich.

Der Vito vom Schwiegervater musste her, um zumindest schon mal die ersten Stunden des Tages sinnvoll nutzen zu können und erste Transporte vorzunehmen. Parallel erfolgte ein Hilfeschrei in die SCU WhatsApp Gruppe. Es dauerte keine halbe Stunde, da standen bereits 3-4 Mann Gewehr bei Fuß. An einem Wochentag um 9 Uhr. Der Kühlwagen wurde planmäßig geholt und auch ansonsten lief alles nach Zeitplan. Hier und dort wurden zwar Dinge von anderen Personen erledigt als ursprünglich gedacht, aber nie war auch nur einer dabei allein. Alle halfen sich gegenseitig und das sehr spontan und in kürzester Zeit. Die Mauer von Uckerath war gerettet und obwohl 24 Stunden vorher für einen Moment mit der Hiobsbotschaft alles danach aussah, als würde wieder etwas dazwischenkommen, so war jetzt noch viel klarer – das würde die beste Mauer aller Zeiten werden! Die Euphorie und auch der Stolz innerhalb der Führungsriege des SC Uckerath aufgrund dieser Teamleistung am Vortag der Veranstaltung war auf einem bisher unerreichten Level.



Zwischen Enttäuschung…
04.07.26 – Mauer von Uckerath. Es war angerichtet. Die üblichen Gesichter trudelten nach und nach am Start ein und es war wieder diese Zeit im Jahr, in der man nach den stressigen Tagen im Vorfeld wieder weiß, wofür man es macht. Für diese Leute. Gut gelaunt, immer herzlich und mit der gleichen Leidenschaft für’s Radfahren wie man selbst. RTF ist Community-Treffen für Rennradfahrende. Um 10 Uhr wurde die Anmeldung geschlossen und die Teilnehmerzahl ermittelt: 366 Teilnehmende.
Da sitzt er nun bedröppelt, der kleine, junge Verein mit dem großen Traum von 413 + X. Hätte ja sein können. Stattdessen sind es ein paar weniger Teilnehmende als im Vorjahr und das bei besten Bedingungen. Während sich besagte 366 Radfahrerinnen und Radfahrer auf der Strecke befinden, schaut man sich im Start- und Zielbereich ratlos an und stellt sich die Frage nach dem Warum. Auf der Suche nach Optimierungspotential gibt es nicht viele Ideen. Auch die Rückmeldungen aus den Vorjahren hätten nicht besser sein können – die Mauer von Uckerath genießt einen sehr guten Ruf. Vielleicht ist es schlichtweg die Lage. Uckerath. Für viele ein Kaff am Rande NRW, doch zeitgleich das Tor zum Westerwald. Für viele ein kleiner Verein mit jungen Leuten, die man nicht persönlich kennt, doch zeitgleich eine Truppe die nicht offener und kontaktfreudiger sein könnte. Für viele ein Ort, an dem der Hund begraben wird, doch zeitgleich eine Region, in der man wunderschön Radfahren kann. All das ist beim SC Uckerath bekannt, doch wird es möglicherweise nur von 366 anderen auch so gesehen. Das ganze Herzblut und der Aufwand, die Veranstaltung Jahr für Jahr auf die Beine zu stellen und hier und dort vielleicht noch einen Meter extra zu machen, um es noch besser zu machen und so die etwas abgelegene Lage des schönen Örtchens auszugleichen – all das hat am Ende offenbar keinerlei Auswirkung.

… und Lobeshymnen
Über Instagram sendet das Team Wattasia derweil im Akkord live von der Strecke und überschlägt sich in gewohnt amüsanter Vortragsweise voll des Lobes für die Veranstaltung. Es fallen Superlative wie „Die beste RTF die ich je gefahren bin.“ und dergleichen. Auch im Zielbereich finden sich die ersten Rückkehrer ein und haben ein Lächeln auf dem Gesicht. Alle sind rundum zufrieden und teilweise wirklich von den Socken. Es sind ähnliche Worte wie in den vergangenen Jahren, aber satt hören kann man sich beim SC Uckerath daran nicht. Die landschaftlich schönen Strecken und die gute Ausschilderung werden gelobt. Wirklich alle betonen die Freundlichkeit und gute Laune der Helferinnen und Helfer an den Verpflegungsstellen. Die Auswahl zum Auffüllen der Kohlenhydratspeicher – „nicht von dieser Welt“. Der SC Uckerath wird für diese Darbietung als „positiv wahnsinnig“, „leidenschaftlich“ und „Vorbild für andere“ bezeichnet. Das Lob nimmt kein Ende mehr.



Da sitzt er nun glückselig, der kleine, junge Verein mit dem großen Traum von 413 + X. Vor wenigen Minuten noch in Selbstzweifel und jetzt mit der Erkenntnis, dass es darauf überhaupt nicht ankommt. 366 Leute die ihm sagen, was für ein „super, super Team“ (frei nach Pep Guardiola) sie sind. Ein kurzer Gedanke zurück an den Vortag verschwendet: „Wie Recht sie haben.“ Nach der Mauer von Uckerath mit den Leuten auf ein Getränk, einen Kuchen oder eine Pommes sitzen und sich unterhalten. Nicht nur darüber wie sie es fanden, sondern schlichtweg über Gott und die Welt, ist Balsam für die Seele. Und dann sprudelt doch wieder Lob für das Event aus ihnen heraus, als wäre der Körper voll damit und der Mund könne es nicht mehr zurückhalten. 366 Menschen einen wunderbaren Tag bereitet zu haben ist ein mordsmäßiges Gefühl. Von diesen Personen zu hören, dass man alles richtig gemacht habe, eine großartige Bestätigung. Zu hören, wie super die Teamkameradinnen und Teamkameraden sind, purer Stolz.

Fluch oder Segen
Die Ausrichtung der Mauer von Uckerath ist Fluch und Segen zugleich. Im Vorfeld ist klar, dass die Zahl der Teilnehmenden nicht ansatzweise dem gerecht wird, was der Verein an Energie in dieses Event hineinsteckt. Zeitgleich wird aber eben jenes ehrenamtliche Engagement von den Teilnehmenden extrem honoriert. Die Abgelegenheit des Startortes ermöglicht den Teilnehmenden von Kilometer 1 über landschaftlich schöne Wege zu fahren, während in Ballungszentren zunächst die ersten 10 Ampeln überwunden werden müssen, bis man in ansatzweise schönem Ambiente hinter der JVA dem Pedalsport frönen kann. Der SC Uckerath erkennt am Ende, dass die Freude der Teilnehmenden, die Gemeinschaft und die gemeinsam geschaffenen Erinnerungen einen wesentlich größeren Wert besitzen als jede Statistik. In diesem Sinne: nächstes Jahr holen wir uns die 500! 😉

Besondere Danksagung
Auch in diesem Jahr endet unser Bericht zur „Mauer von Uckerath“ nicht ohne besondere Danksagungen. Ehre wem Ehre gebührt. Wir bedanken uns bei:
- allen Helfenden, ganz gleich ob an den Kontrollstellen, beim Aus- und Abschildern, im Zielbereich oder im Vorfeld der Veranstaltung bei den fleißigen Kuchenbäcker- und -bäckerinnen.
- Dirk Mülln (EDEKA) für das fünfte Jahr Sponsoring in Folge. Es war auch in diesem Jahr wieder hart zu entscheiden, welche der vielen potenziellen Snacks wir aus dem Uckerather Markt bei unserer RTF anbieten wollen. Danke für die Treue seit Jahr 1.
- IBEDA GmbH & Co. KG aus Neustadt (Wied) für die Krombacher Radler alkoholfrei Kisten an den Verpflegungsstellen.
- Bäckerei und Konditorei Gilgens für die neuen Energie-Riegel, die wir im Vorfeld testen und in gewissem Maß mitentwickeln durften, um sie anschließend bei unserem Event an den Verpflegungsstellen anzubieten.
- Strack & Walterscheid GbR für das zur Verfügung stellen der Parkflächen. Es geht nicht jedes Jahr, weil natürlich auch die Feuchtigkeit der Wiese eine Rolle spielt, ob dort bis zu 100 Autos drauf geparkt werden können. In diesem Jahr war das aber ein klares „Go“ und es war anlässlich des großen Zuspruchs auch absolut notwendig. Die Wiese wurde gut genutzt.
- Dahs Tore GmbH aus Hemmelzen, der Wiedparkhalle in Neustadt (Wied), der Kneipe Heydorsch in Puderbach und KW Bikeservice in Kaltau. Dort überall durften wir in diesem Jahr unentgeltlich unsere Kontroll- und Verpflegungsstellen eröffnen. Vielen Dank für das Vertrauen.
- Alfred Heimermann, der auf der Strecke ehrenamtlich Fotos gemacht hat. Durch dich wurde dieser tolle Tag im Zeichen des Radsports dokumentiert. Wir werden deinem Wunsch nachkommen und als Gegenleistung unsere jährliche Spende an das Sibilla Hospiz tätigen.
- allen Teilnehmenden. Wir hatten RTF-Neulinge, wir hatten Rennrad-Einsteigerinnen, wir hatten einen U10 Teilnehmer und einen über 85 Jahre. Bekannte Gesichter, unbekannte/neue Gesichter. Frau, Mann, Deutsche, nicht Deutsche – es war von allem etwas da und es war wunderschön. Vielen Dank für euer Lob, das Aufbauen und den ganzen surrealen Zuspruch. Auch jetzt im Nachgang der Veranstaltung kommen noch Mails und WhatsApp rein, die einen zu Tränen rühren. Ganz, ganz herzlichen Dank und hoffentlich wieder bis 2027. Helft uns mit das Wunder von Uckerath zu schaffen!

Eine Auswahl der über 700 Fotos von Alfred Heimermann könnt ihr euch hier ansehen. Wir wünschen viel Spaß beim Durchsehen der vielen Bilder. Wer sich durch alle Bilder klicken mag, besucht bitte die Website von Alfred Heimermann.
